Welche LKs sollte ich wählen? - Chemie
- Schülerzeitung
- 8 hours ago
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Ein Beitrag unserer Redakteurin Thara Grün
An irgendeinem Punkt im Leben wird man mit der Frage konfrontiert: „Was möchtest du später eigentlich mal machen?“. Die einen müssen diese Frage früher, die anderen später beantworten. Für diejenigen, die den Weg zum Abitur wählen, muss der erste Grundstein zur Antwort mit der Wahl der Leistungskurse (LKs) gelegt werden. Allerdings ist es wirklich schwierig die „richtigen“ Kurse zu wählen, wenn man noch keinerlei Erfahrungen aus der Oberstufenzeit hat.
Genau deshalb möchte ich euch einen kleinen Einblick in alle Fächer der Oberstufe geben, die ihr als Leistungskurse wählen könnt. Angefangen mit einem LK, den ich selbst gewählt habe: Chemie.
Zu den allgemeinen Rahmeninformation, die nicht nur Chemie betreffen:
Im Leistungskurs schreibt man in jedem Fach zwei Kursarbeiten pro Halbjahr, abgesehen von 11/1. Das erste Halbjahr der Oberstufe zählt noch nicht ins Abitur und dient erstmal zur Gewöhnung an die neuen Anforderungen; zu denen komme ich später nochmal. Außerdem schreibt man in diesem Zeitraum nur eine Kursarbeit pro Leistungskurs, genau wie in den Grundkursen. In den ersten Wochen gibt es außerdem die Möglichkeit die LKs umzuwählen, sofern er euch doch nicht gefällt.
Aber jetzt konkret zu Chemie:
Was genau sollte ich vor der Oberstufe können? Sollte ich überhaupt Chemie-LK wählen? Sind meine Noten „gut genug“? Oder interessiert mich das überhaupt? All diese Fragen und noch mehr habe ich in einem Interview mit Herrn Weißenborn und Frau Weiß besprochen und werde dazu auch noch meine eigenen Erfahrungen schildern.
Welche fachlichen Grundlagen sollte ich beherrschen?
Generell ist es in Chemie so, dass die meisten Schüler:innen manche Themen verschieden viel behandelt haben, das ergibt sich automatisch durch die unterschiedlichen Lehrer:innen aus der Mittelstufenzeit. Deshalb wird am Anfang der Oberstufe das bisher gelernte wiederholt, geübt und gegebenenfalls gezielt verbessert.
Frau Weiß: „Bei Chemie ist es so wichtig, dass das aufeinander aufbaut. In anderen Fächern kann man Einzelthemen abgreifen, da kann man auch nochmal neu starten im Thema und in Chemie, finde ich, ist das nicht unbedingt so.“
Herr Weißenborn: „In Physik kommt Radioaktivität, Optik, Mechanik, das sind klar getrennte Dinge und das geht in Chemie nicht.“
Frau Weiß: „Fachlicher Art sind Bindungsarten ganz wichtig, Atombau und mit dem Periodensystem umgehen könnnen, also was das einem sagt. Ausgehend von diesem Kern kann man ganz viel ableiten.“
Man kann also aufbauend auf dieser Basis viele Themen herleiten und auch neu erschließen, sofern man sie nicht direkt verstanden hat. Hier kann ich auch selbst sagen, dass alle neuen Themen natürlich erst einmal fremd sind. Aber: man kann durch die bereits erlernten Tools sehr viele Aspekte selbst erschließen, um grob zu verstehen worum es eigentlich geht.
Herr Weißenborn: „Also Grundlage ist die Motivation überhaupt, das Grundinteresse. Das heißt wenn ich aus der Mittelstufe schon abgeschreckt bin von Chemie und mir insgesamt sage: 'Das ist zu abstrakt',[…] dann würde ich eher davon abraten. Das ist grundlegend, fern von irgendwelchem Fachwissen.“
Prinzipiell würde ich basierend auf meinen eigenen Erfahrungen sagen, dass es durchaus sinnvoll ist, wenn man seine LKs nach Interesse am Fach wählt. Man verbringt zwangsläufig viel Zeit mit den Themen, sofern man halbwegs erfolgreich sein Abitur bestehen möchte und hat darauf tendenziell mehr Lust, wenn man Spaß an dem hat, was man tut.
Frau Weiß: „Motivation ist das Eine, aber das Andere ist, finde ich auch, Durchhaltevermögen. Weil es ist völlig normal, dass man es erstmal nicht versteht und dann muss man nochmal ran und wenn man es dann noch nicht versteht sich auch die Chance geben es nochmal zu probieren. Das braucht eine Weile.“
Allgemein ist es natürlich so, dass erstmal alle Themen neu für einen sind, allerdings finde ich persönlich den Punkt von Frau Weiß und Herrn Weißenborn auch nochmal sehr wichtig zu betonen: Denn es ist auch in Ordnung, wenn man erstmal einen Hänger hat und nicht direkt alles versteht. Die aufkommende Frustration muss man durchaus auch länger mal aushalten, aber man lernt dabei auch mit sich selbst gnädiger zu sein.
Ist Chemie mehr Auswendiglernen oder allgemeines Verständnis von Zusammenhängen?
Von meiner Seite aus ganz klar: Chemie hat wesentlich mehr mit dem Verstehen von Prozessen, als mit reinem Auswendiglernen zu tun. Und wie Herr Weißenborn schon vorher gesagt hatte: Alles baut aufeinander auf, dadurch sind auch Verbindungen zwischen Themen aus dem Lehrplan auch gut erschließbar, aber da kommt es stärker auf das Begreifen an. Natürlich ist auch dieses Fach nicht komplett frei von Vokabeln und Fachbegriffen, das ist vor allem in Texten auch sehr wichtig sich korrekt auszudrücken.
Sind meine Noten „gut genug“ für Chemie-LK?
Natürlich sagen die Noten nichts über die Intelligenz einer Person aus: das schonmal vorweg. Chemie ist jedoch nunmal ein abstraktes und komplexes Fach, was vielleicht nicht jedem liegt.
Frau Weiß: „Eine drei kann natürlich schonmal passieren im Zeugnis, weil vielleicht auch irgendwas nicht so gut lief in dem Halbjahr, aber wer häufiger eine vier hatte sollte vielleicht eher was Anderes wählen.“
Herr Weißenborn: „Wir hatten sicherlich schon auch Leute mit einer vier in der Mittelstufe da sitzen, aber die hatten es schwer. Aber wenn man dann alternativlos ist und hat das Interesse und Durchhaltevermögen und weiß von vornherein, dass das Arbeit bedeutet, kann das sogar auch gut gehen.“
Wie wichtig ist es in anderen Fächer wie bspw. in Mathe gut zu sein?
Ganz kurz und knapp: In Chemie ist es durchaus so, dass Elemente aus Mathe einfließen. Das wird in der Regel aber nicht vorausgesetzt und wird im Unterricht selbst auch erklärt. Natürlich ist es aus chemischer Sicht sinnvoll, wenn man die einfachen Grundlagen beherrscht, aber man kann sich auch alles erarbeiten. Frau Weiß unterrichtet selber beispielsweise kein Mathe, ist aber auch der Meinung, dass man das, was man für Chemie benötigt, relativ einfach lernen kann.
Frau Weiß: „Also tatsächlich die Mathematik, die wir in Chemie brauchen, die hat man sich relativ schnell angeeignet und das sind überschaubare Themen. […] Man muss auch da bereit sein sich mal kurz hinzusetzen und mal nachzugucken oder es sich erklären zu lassen. Aber dann ist es echt gut zu machen.“
Bei anderen Fächern wie Biologie oder Physik gibt es auch Schnittstellen, die sehr interessant sind, allerdings halten diese sich wirklich in Grenzen. Laut Herr Weißenborn kommt es tendenziell auch aufdie Lehrkraft an und ob sie andere Fächer in den Naturwissenschaften unterrichtet. Aus meiner Erfahrung aus Herr Weißenborns Unterricht kann ich persönlich aber sagen, dass der Fokus bewusst auf dem Fach Chemie liegt und nie zu sehr auf Mathe. Natürlich muss man bei manchen Themen bestimme Vorgänge auch mathematisch erklären, allerdings beschränkt sich das wirklich auf ein machbares Pensum.
Herr Weißenborn: „Ich werde oft gefragt, ob ich auch Chemie-GK (Grundkurs) nehmen sollte wenn ich vorhabe Biologie-LK zu wählen. Aber deswegen jetzt Chemie-GK zu nehmen, weil ich Bio-LK nehme und es interessiert mich eigentlich gar nicht, dann macht das meines Erachtens keinen Sinn. Die Chemie, die man im Bio-LK braucht, die kommt viel zu spät.“
Inwiefern unterscheiden sich 10h-Test und eine Kursarbeit?
Alleine der Ablauf dieser beiden Leistungsüberprüfungen ist sehr unterschiedlich: wo man in der Mittelstufe 30 Minuten Zeit bekommt, steigt man in der 11. Klasse direkt mit 90 Minuten pro Kursarbeit ein. Ab der 12. Klasse werden sogar die 90min noch um eine weitere Schulstunde auf 135 Minuten verlängert.
Herr Weißenborn: „[In der Oberstufe] ist der Umfang natürlich immens mehr und ich glaube man wird mehr Anforderungsbereich zwei und drei machen als in der Mittelstufe beim 10h-Test.“
Außerdem spielt die Fachsprache in Texten eine wesentlich größere Rolle. Ein weiterer Unterschied im Vergleich zur Mittelstufe als auch einem Chemie-GK ist das Material, dass man in einer Kursarbeit hat und auf dem die Aufgabe basieren. Man kann sich den Sprung zwischen den Prüfungen aus der 10. Klasse zur 11. eigentlich gar nicht richtig vorstellen, weil man es vorher gerade in Chemie noch nie erlebt hat. Deshalb ist es auch total in Ordnung wenn man am Anfang der Oberstufe zu kämpfen hat, weil man das neue, sehr viel höhere Arbeits- & Lernpensum gar nicht gewohnt ist. Da ist es auch nicht vergleichbar mit einer Klassenarbeit aus Mathe oder Deutsch, weil es wirklich in allen Fächern, nicht nur in Chemie, wesentlich mehr auf Aufwand bedeutet.
Außerdem wird Chemie im Leistungskurs natürlich auch fünfstündig in der Woche unterrichtet, also verbringt man in diesem LK auch sehr viel Zeit außerhalb von Kursarbeitsphasen.
Sollte ich Chemie wegen des Experimentierens wählen?
Sowohl Herr Weißenborn als auch Frau Weiß würden davon abraten Chemie ausschließlich wegen dem Experimentieren als LK zu wählen. Vorhin habe ich auch schon das allgemeine Interesse für das Fach als Voraussetzung betont, allerdings sind Experimente nicht der Schwerpunkt im Unterricht und kommen in den Kursarbeiten höchstens im Material auf Papier vor. Es gibt zwar durchaus Stunden, in denen man Versuche macht und diese auch auswertet, aber hauptsächlich beschäftigt man sich mit theoretischeren Ansätzen.
Frau Weiß: „Also wenn da jemand wäre, der sagt: „Ich experimentiere total gerne, ich mache das alles so gerne mit der Hand und Theorie ist nicht so mein Ding“, dann würde ich sagen, dass das der perfekte Einstieg für eine CTA-Ausbildung (chemisch-technischer-Assistent) nach der 10. Klasse. Da macht man das direkt im Labor, Berufsschule dazu und dann verdiene ich früher Geld und habe einfach viel mehr den Start ins Leben, als sich durch die Oberstufe zu wühlen mit der ganzen Theorie. Und es ist viel Theorie auch jenseits von LK oder GK gedacht.“
Haben Sie Tipps wie man mit schlechteren Noten umgehen kann?
Herr Weißenborn: „[In der Oberstufe kann es am Anfang so sein], dass es erstmal nicht so klappt wie man sich das vorgestellt hat, dann ist der Frust erstmal da. Aber der kann geringer sein wenn ich dasvorher schon weiß, dass das passieren kann und ich zwei MSS-Punkte (Noten von 0-15 Punkten) weniger schreibe als ich in der Mittelstufe hatte […],dann ist das gefühlt natürlich erstmal eine herbe Niederlage. Aber das erste Halbjahr zählt ja dann auch nicht in die Qualifikation mit rein.“
Frau Weiß: „Genau, das darf man sich dann auch mal sagen. Und dann kommt es eben genau auf das an, was ich eben meinte: dieses ich halte durch und ich gebe nicht gleich auf.“
Herr Weißenborn: „Ich rate immer irgendwo in eine Bücherei oder in einen Buchladen zu gehen und sich da die Sachen vor Ort anzuschauen. […] Ich weiß, dass die Duden-Reihe toll ist, die ist gut zum Nachschlagen oder auch die neuen Mentor-Hilfen. […] Es gibt im Internet wirklich Lernpfade, nach denen man suchen kann, um irgendetwas nachzuarbeiten, aber auch das ist total individuell.“
Frau Weiß: „Der Mitmensch ist dafür auch super. Dann spreche ich doch mit anderen Menschen mal drüber und kann dann auch Fragen stellen. […] Auch mal jemand anderem etwas zu erzählen als ob man selber der Lehrer wäre.“
Herr Weißenborn: „Und man merkt auch „ich bin nicht alleine mit irgendwelchen Lücken“, sondern die anderen sind auch mal froh wenn jemand mal sagt, dass es unklar ist. Das ist doch nachher im Studium genauso.“
Frau Weiß: „Es ist kein Alleine-Ding. Aber das gilt für viele Leistungskurse, also das ist nicht nur für Chemie.“
Außerdem ist es wie gesagt natürlich so, dass die Lehrer:innen auch Lücken feststellen und einem dann helfen; gerade am Anfang von der Oberstufe, wo alle noch nicht auf demselben Stand sind, kann es einem dann auffallen, dass manche Themen noch nicht ganz richtig sitzen. Wie einem dann von dem Lehrer oder der Lehrerin geholfen wird passiert ganz individuell; manche haben eben mehr Probleme mit dem Strukturieren, andere mehr mit dem Lernen an sich. Aber auch genau bei solchen Themen kann man immer mit dem Fachlehrer/ der Fachlehrerin sprechen oder auch ggf. die Schulseelsorge oder Verbindungslehrer:innen kontaktieren.
Was hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich des Abiturs in Chemie verändert?
Frau Weiß: „Zum Einen gibt es deutlich weniger Zeit zum Experimentieren, aber auch dieses einfach mal in Ruhe etwas machen. Ich habe mich da echt etwas getrieben gefühlt. Auf der anderen Seite war dann das zentrale Abitur echt machbar.“
Auch das wird sich in den nächsten paar Jahren allerdings immer wieder ändern, je nachdem wie die Kommission die Abiturergebnisse bewertet. Wie „einfach“ ein Chemie-Abitur also ist, lässt sich dadurch nicht sagen.
Herr Weißenborn: „Wir wissen nicht genau was kommt, wollen aber natürlich trotzdem gut
vorbereiten.“
Frau Weiß: „Was natürlich auch noch anders ist, ist dass wir jetzt eine Formelsammlung haben, das hatten wir vorher nicht. Das heißt also Dinge, wie die Formel aus der Formelsammlung einfach mal abschreiben, darf man nicht mehr bepunkten. […] Eine Leistung, die früher eigentlich ganz leicht zu erbringen war, ist jetzt ein bisschen schwieriger.“
Herr Weißenborn: „Außerdem gibt es eine viel einheitlichere Operatorenliste, dass die zumindest auch zentral vorgegeben wird.
Welche Kompetenzen konnten Sie aus dem Chemie-LK mit in die Uni nehmen?
Je nachdem auf welcher Schule man war, hat man natürlich unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten, die man erlernt hat und mit in das Studium nehmen konnte. Frau Weiß und HerrWeißenborn haben dabei ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Frau Weiß hatte beispielsweise während der Oberstufenzeit gar kein Chemie mehr und hat trotzdem erfolgreich ihr Studium abgeschlossen. Auch das hat sehr viel Energie und Zeit gekostet, aber es ist alles möglich egal welche Voraussetzungen man hat.
Frau Weiß: „Wenn man etwas will und wenn man das richtige Material hat und die richtigen
Personen, dann kriegt man das hin.“
Herr Weißenborn: „Ja, aber auch weil du das Denken gelernt hast. Dann hattest du wahrscheinlich auch Biologie noch irgendwie, oder?“
Frau Weiß: „Ja, das hatte ich im Leistungskurs.“
Herr Weißenborn: „Genau, also wenn das naturwissenschaftliche Denken irgendwie angelegt ist, dann kann einem Fachwissen auch fehlen und man kann das nachher trotzdem hinkriegen. Das reine Wissen braucht man später vielleicht gar nicht, aber das Denken, das bleibt. Und das ist auch das, was nach dem Abitur bleibt. Natürlich wird man die Hälfte vergessen, wahrscheinlich sogar mehr, aber der Rest bleibt und das ist eigentlich das Wichtigste.“
Frau Weiß: „Es ist ein bestimmter Blick auf die Welt und das ist vielleicht auch noch wichtig: das Staunen sollte bleiben.“
Herr Weißenborn: „Das ist eine Grundneugier und da sind wir wieder am Anfang. Ich muss die Frage stellen: 'Warum ist das so?'"





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