Welche LKs sollte ich wählen? - Chemie
- Schülerzeitung
- Apr 16
- 7 min read
Ein Beitrag unserer Redakteurin Thara Grün
An einem gewissen Punkt im Leben wird man mit der Frage konfrontiert: „Was möchtest du später eigentlich mal machen?“. Die einen müssen diese Frage früher, die anderen später beantworten. Für diejenigen, die den Weg zum Abitur wählen, muss der erste Grundstein zur Antwort mit der Wahl der Leistungskurse (LKs) gelegt werden. Allerdings ist es wirklich schwierig, die „richtigen“ Kurse zu wählen, wenn man noch keinerlei Erfahrungen aus der Oberstufenzeit hat.
Genau deshalb möchte ich euch einen kleinen Einblick in alle Fächer der Oberstufe geben, die ihr als Leistungskurse wählen könnt. Angefangen mit einem LK, den ich selbst gewählt habe; Chemie.
Zu den allgemeinen Rahmeninformationen, die nicht nur Chemie betreffen:
Im Leistungskurs schreibt man in jedem Fach zwei Kursarbeiten pro Halbjahr, mit Ausnahme des Halbjahres 11/1. Dieses zählt noch nicht ins Abitur und dient erstmal zur Gewöhnung an die neuen Anforderungen; zu denen komme ich später nochmal. Außerdem schreibt man in diesem Zeitraum nur eine Kursarbeit pro Leistungskurs, genau wie in den Grundkursen. In den ersten Wochen gibt es außerdem die Möglichkeit die LKs umzuwählen, sofern sie euch doch nicht gefallen.
Aber jetzt konkret zu Chemie: Was genau sollte ich vor der Oberstufe können? Sollte ich überhaupt Chemie-LK wählen? Sind meine Noten „gut genug“? Oder interessiert mich das überhaupt? All diese Fragen und noch mehr habe ich in einem Interview mit Herrn Weißenborn und Frau Weiß besprochen und werde dazu auch noch meine eigenen Erfahrungen schildern.

Generell ist es in Chemie so, dass die meisten Schüler:innen manche Themen verschieden viel behandelt haben, das ergibt sich automatisch durch die unterschiedlichen Lehrer:innen aus der Mittelstufenzeit. Deshalb wird am Anfang der Oberstufe das bisher Gelernte wiederholt, geübt und gegebenenfalls gezielt verbessert.
Beide Lehrer betonten besonders, dass in Chemie vor allem die aufeinander aufbauenden Themen eine wichtige Grundlage darstellen; im Vergleich zu anderen Fächern wie Physik seien diese nicht so leicht voneinander abzugrenzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch auch, dass man beispielsweise auf Basis von Bindungsarten sehr viel herleiten kann, was einem das grundlegende Verständnis neuer Themen erleichtern kann.
Prinzipiell würde ich basierend auf meinen eigenen Erfahrungen sagen, dass es durchaus sinnvoll ist, wenn man seine LKs nach Interesse am Fach wählt. Man verbringt zwangsläufig viel Zeit mit den Themen, sofern man erfolgreich sein Abitur bestehen möchte und hat darauf tendenziell mehr Lust, wenn man Spaß an dem hat, was man tut. Auch von Lehrer:innenseite wird dies nochmal bestätigt; Motivation reicht neben Fachwissen nicht aus, es käme vor allem auf das Interesse und das Durchhaltevermögen an.
Allgemein ist es natürlich so, dass erstmal alle Themen neu für einen sind, allerdings finde ich persönlich den Punkt von Frau Weiß und Herrn Weißenborn auch nochmal sehr wichtig zu betonen: denn es ist auch in Ordnung, wenn man erstmal eine Phase der Demotivation durchläuft und nicht direkt alles versteht. Die aufkommende Frustration muss man durchaus auch länger mal aushalten, aber man lernt dabei auch mit sich selbst gnädiger zu sein.
Ist Chemie mehr auswendig lernen oder allgemeines Verständnis von Zusammenhängen?
Meiner Erfahrung nach steht fest: Chemie hat wesentlich mehr mit dem Verstehen von Prozessen, als mit reinem Auswendiglernen zu tun. Und wie Herr Weißenborn schon vorher gesagt hatte: Alles baut aufeinander auf, dadurch sind auch Verbindungen zwischen Themen aus dem Lehrplan auch gut erschließbar, aber da kommt es stärker auf das Begreifen an. Natürlich ist auch dieses Fach nicht komplett frei von Vokabeln und Fachbegriffen, das ist vor allem in Texten auch sehr wichtig sich korrekt auszudrücken.
Sind meine Noten „gut genug“ für Chemie-LK?
Natürlich sagen die Noten nichts über die Intelligenz einer Person aus: dies vorweg. Chemie ist jedoch nun einmal ein abstraktes und komplexes Fach, was vielleicht nicht jedem liegt.
Aus dem Gespräch hat sich auch herauskristallisiert, dass eine Note keine direkte Voraussetzung darstellt, jedoch sollte man zu gegebenem Anlass nochmal reflektieren, ob Chemie für einen das Richtige ist, wenn die Leistungen davor hauptsächlich ausreichend oder mangelhaft waren. An jede Person, die einen Leistungskurs wählt, werden gleiche Anforderungen gestellt, manche tun sich nunmal schwerer als andere.
Wie wichtig ist es in anderen Fächer wie bspw. in Mathe gut zu sein?
Ganz kurz und knapp: In Chemie ist es durchaus so, dass Elemente aus Mathe einfließen. Das wird in der Regel aber nicht vorausgesetzt und wird im Unterricht selbst auch erklärt. Natürlich ist es aus chemischer Sicht sinnvoll, wenn man die einfachen Grundlagen beherrscht, aber man kann sich auch alles erarbeiten. Frau Weiß unterrichtet selber beispielsweise kein Mathe, ist aber auch der Meinung, dass man das, was man für Chemie benötigt, relativ einfach lernen kann.
Bei anderen Fächern wie Biologie oder Physik gibt es auch Schnittstellen, die sehr interessant sind, allerdings halten diese sich wirklich in Grenzen. Laut Herrn Weißenborn kommt es tendenziell auch auf die Lehrkraft an und ob sie andere Fächer in den Naturwissenschaften unterrichtet. Aus meiner Erfahrung aus dem Unterricht kann ich persönlich aber sagen, dass der Fokus bewusst auf dem Fach Chemie liegt und nie zu sehr auf Mathe. Natürlich muss man bei manchen Themen bestimmte Vorgänge auch mathematisch erklären, allerdings beschränkt sich das wirklich auf ein machbares Pensum.
Laut Herrn Weißenborn bestehe außerdem keine Konsequenz oder Notwendigkeit darin, dass man Chemie Grundkurs wählen sollte, weil man beispielsweise Biologie Leistungskurs gewählt hat. Die Themen seien derart unterschiedlich aufgeteilt, dass es sich zeitlich kaum lohnen würde den zusätzlichen Arbeitsaufwand zu betreiben, wenn man es ausschließlich aus dieser Motivation heraus wählt.
Inwiefern unterscheiden sich 10h-Test und eine Kursarbeit?
Alleine der Ablauf dieser beiden Leistungsüberprüfungen ist sehr unterschiedlich: wo man in der Mittelstufe 30 Minuten Zeit bekommt, steigt man in der 11. Klasse direkt mit 90 Minuten pro Kursarbeit ein. Ab der 12. Klasse werden sogar die 90min noch um eine weitere Schulstunde auf 135 Minuten verlängert. Daraus ergibt sich ebenfalls ein größerer Umfang des abgefragten Stoffes; mehr Unterrichtsstunden bedeuten im Umkehrschluss auch mehr Lernstoff.
Außerdem spielt die Fachsprache in Texten eine wesentlich größere Rolle. Ein weiterer Unterschied im Vergleich zur Mittelstufe als auch einem Chemie-GK ist das Material, das man in einer Kursarbeit hat und auf dem die Aufgaben basieren.
Man kann sich den Sprung zwischen den Prüfungen aus der 10. Klasse zur 11. eigentlich gar nicht richtig vorstellen, da die Anforderungen in Chemie in dieser Form in der Mittelstufe kaum vorkommen. Deshalb ist es auch total in Ordnung, wenn man am Anfang der Oberstufe zu kämpfen hat, weil man das neue, sehr viel höhere Arbeits- & Lernpensum gar nicht gewohnt ist. Da ist es auch nicht vergleichbar mit einer Klassenarbeit aus Mathe oder Deutsch, weil es wirklich in allen Fächern, nicht nur in Chemie, wesentlich mehr auf Aufwand bedeutet.
Außerdem wird Chemie im Leistungskurs natürlich auch fünfstündig in der Woche unterrichtet, also verbringt man in diesem LK auch sehr viel Zeit außerhalb von Kursarbeitenphasen.
Sollte ich Chemie wegen des Experimentierens wählen?
Sowohl Herr Weißenborn, als auch Frau Weiß würden davon abraten Chemie ausschließlich wegen des Experimentierens als LK zu wählen. Vorhin habe ich auch schon das allgemeine Interesse für das Fach als Voraussetzung betont, allerdings sind Experimente nicht der Schwerpunkt im Unterricht und kommen in den Kursarbeiten höchstens im Material auf Papier vor. Es gibt zwar durchaus Stunden, in denen man Versuche macht und diese auch auswertet, aber hauptsächlich beschäftigt man sich mit theoretischeren Ansätzen.
Als Gedankenanstoß hat Frau Weiß eine CTA-Ausbildung empfohlen, sofern das Interesse für eine praktischere Anwendung in der Chemie vorliegt. Das wäre beispielsweise direkt nach der 10. Klasse möglich; ein direkter Einstieg in die Ausbildung zum chemisch-technischen-Assistenten ermöglicht logischerweise einen früheren Start in das Berufsleben und früher Einkommen.
Haben Sie Tipps wie man mit schlechteren Noten umgehen kann?
Sowohl von Frau Weiß als auch Herr Weißenborn wird betont, dass ein Notenabfall im Vergleich zur Mittelstufe normal sein könne, weshalb sich das erste Halbjahr der 11. Klasse auch erstmal auf die Einfindung in die Oberstufe fokussiert. Das bedeutet auch, dass die in diesem Zeitraum erbrachten Noten keinerlei Relevanz für das Abitur haben und nur zur persönlichen Orientierung dienen. Als Tipps werden euch unter anderem die Duden-Bände oder Mentor-Hilfen, sowie Lerngruppen aus den Kursen ans Herz gelegt. Gerade der zwischenmenschliche Austausch sei eine große Hilfe zum Verständnis der Themen und eigne sich auch gut als Vorbereitung für eine Kursarbeit.
Außerdem ist es wie gesagt natürlich so, dass die Lehrer:innen auch Lücken feststellen und einem dann helfen; gerade am Anfang von der Oberstufe, wo alle noch nicht auf demselben Stand sind, kann es einem dann auffallen, dass manche Themen noch nicht ganz richtig sitzen. Wie einem dann von dem Lehrer oder der Lehrerin geholfen wird passiert ganz individuell; manche haben eben mehr Probleme mit dem Strukturieren, andere mehr mit dem Lernen an sich. Aber auch genau bei solchen Themen kann man immer mit dem Fachlehrer/ der Fachlehrerin sprechen oder auch ggf. die Schulseelsorge oder Verbindungslehrer:innen kontaktieren.
Was hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich des Abiturs in Chemie verändert?
In den letzten Jahren hätten die Kurse laut Frau Weiß weniger Zeit zum Experimentieren gehabt, was durch die Änderungen im Lehrplan unter anderem zustande kam. Dadurch hätte man sich teilweise mehr getrieben gefühlt, allerdings schien der zentrale Abiturteil recht machbar gewesen zu sein.
Auch das wird sich in den nächsten paar Jahren allerdings immer wieder ändern, je nachdem wie die Kommission die Abiturergebnisse bewertet. Wie „einfach“ ein Chemie-Abitur also ist, lässt sich dadurch nicht sagen. Ebenfalls eine Neuerung ist die Nutzung der Formelsammlung im schriftlichen Abitur, wodurch sich die Bepunktung ebenfalls verschoben hat; einfach eine Formel aufzuschreiben dürfe nun also nicht mehr bepunktet werden, da sie der Formelsammlung zu entnehmen ist.
Außerdem gäbe es nun eine einheitlichere Operatorenliste; das heißt, die Aufgabenstellung ist direkt an die Anforderungen, die in der Aufgabe gestellt werden, gekoppelt. Besagte Liste lässt sich online auf der Seite des IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) nachschlagen.
Welche Kompetenzen konnten Sie aus dem Chemie-LK mit in die Uni nehmen?
Je nachdem auf welcher Schule man war, hat man natürlich unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten, die man erlernt hat und mit in das Studium nehmen konnte. Frau Weiß und Herr Weißenborn haben dabei ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Frau Weiß hatte beispielsweise während der Oberstufenzeit das Fach Chemie gar nicht mehr und hat trotzdem erfolgreich ihr Studium abgeschlossen. Auch das hat sehr viel Energie und Zeit gekostet, aber es ist alles möglich egal welche Voraussetzungen man hat.
Basierend auf den Erfahrungen der Lehrkräfte lässt sich als abschließendes Fazit sagen, dass egal welches Fach einem mehr als nur den Inhalt beibringt, sondern auch ein ganz bestimmtes Verständnis von Sachzusammenhängen. Die Leitfrage „Warum?“ steht ganz zentral im Fokus vom naturwissenschaftlichen Denken. Das, was man bis zum Abitur gelernt hat, beantwortet einem schon sehr vieles, aber vielleicht nicht alles; also fragt euch weiter: „Wieso passiert das so?“




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